Die Corona-Schuldenfalle

Schwellenländern droht eine Schuldenkrise, die von der Bevölkerung nicht gestützt werden kann - Photo: StanislauV/Shutterstock.com (CC BY-NC-ND 4.0)

In Folge der Lockdowns werden viele Länder überschuldet sein — die Profiteure freut‘s.

In einer beim IWF im Juni 2020 erschienen Studie (3) heißt es, dass im vergangenen Jahrzehnt der größte, stärkste und breiteste Schuldenanstieg in Entwicklungs- und Schwellenländern der letzten 50 Jahre stattgefunden habe. Seit 2010 sei deren Schuldenstand im Verhältnis zum Sozialprodukt um 60 Prozentpunkte auf 170 Prozent vom BIP 2019 angestiegen. Ohne China sei dieses Verhältnis um 20 Prozentpunkte auf 108 Prozent angestiegen. Dabei sei der Anteil der von ausländischen Investoren gehaltenen Staatsschulden auf 43 Prozent und der Anteil von in ausländischer Währung aufgenommenen Unternehmensschulden von 19 Prozent 2010 auf 26 Prozent vom BIP 2018 gestiegen. In den besonders armen Ländern habe sich der Schuldenstand von 47 Prozent 2010 auf 65 Prozent 2019 erhöht.

Bei den produzierenden und Dienstleistungsunternehmen der Schwellenländer (emerging market economies, ohne China) lautet derzeit ein Fünftel der Schulden auf ausländische Währung (4). Wie sollen diese Schulden von den armen Ländern zurückgezahlt werden angesichts einer einbrechenden Weltwirtschaft und eines um mindestens 13 Prozent schrumpfenden Welthandels (5), wenn also Devisen über Exporte viel schwieriger erlangt werden können?

Dazu kommt: Über 20 Billionen Dollar Schulden und Anleihen werden bis Jahresende 2020 fällig, müssen also entweder zurückgezahlt oder durch neue Schuldenaufnahme verlängert werden, davon 4,3 Billion in Schwellenländern (inklusive China). Hiervon sind 730 Milliarden Dollar Schulden (inklusive China) in Auslandwährung (6). Zum Vergleich: Das Welt-BIP, die Weltwirtschaftskraft betrug 2019 etwa 86,6 Billionen Dollar (7).

Das sind beeindruckende Zahlen. Daher schrieb das Wall Street Journal im Juli 2020:

„Die Welt läuft immer schneller auf eine Schlacht über die Schulden der Schwellenländer zu, wie sie bisher nur wenige gesehen hat.“

Der Titel des Artikels lautete bezeichnenderweise: „Covid‘s nächste Wirtschaftskrise: Die Schulden der Entwicklungsländer“ (8). Mindestens 12 Schwellenländer haben demnach momentan akute Rückzahlungsprobleme oder sind nahe daran.

Bereits im April 2020 haben die 20 führenden Volkswirtschaften, die G 20, ein Schuldenmoratorium für mehr als 70 (!) Entwicklungsländer beschlossen, das heißt, dass die Schulden nicht mehr bedient werden müssen. Ironischerweise ist Argentinien Mitglied im G 20-Club. Argentinien ist seit Februar 2020 zahlungsunfähig und steht momentan vor dem neunten Staatsbankrott (9). Bis April 2020 hatten bereits 102 Länder beim IWF wegen Notkrediten angefragt (10). Einige davon wollten nicht genannt werden aus Sorge davor, sonst von anderer Seite keine Kredite mehr zu bekommen. 102 Länder. Das ist mehr als die Hälfte aller etwa 194 Länder der Welt (11).

Kurz:

Auf den Weltschuldenmärkten, den Bond- beziehungsweise Rentenmärkten, scheint sich eine weitere, von den Schwellenländern ausgehende Schuldenkrise anzubahnen. Selbst relativ wirtschaftsstarke und große Schwellenländer wie die Türkei stehen möglicherweise vor deutlichen Auslandsschulden- und Währungsproblemen.

Die Türkei hat derzeit etwa 431 Milliarden Dollar Brutto- beziehungsweise 256 Milliarden Nettoauslandsschulden (12). Die türkische Lira eilt von einem Tiefstand zum nächsten (13). Falls die Türkei in ernsthafte Schuldenprobleme geraten sollte, könnte dies einige europäische Banken stark belasten. Das gilt nicht nur für die Türkei. Wenn von den Kredit- und Bondmärkten der Schwellenländer Turbulenzen ausgehen, wird das Europa und andere Industrieländer mitbelasten und die Corona-Weltwirtschaftskrise verstärken.

Das konnten wir beeindruckend an der Finanzkrise 2007 bis 2009 beobachten: Verbriefte Schuldenpakete auf amerikanische Immobilien haben in Europa die Schuldenbombe hochgehen lassen. So übertragen sich die Schulden und Währungsprobleme anderer Länder letztlich häufig auch auf die Kern-Industrieländer, wenn auch nicht mit derselben Wucht.

Der Weg geht meistens über Währungskrisen, wie beispielweise bei der asiatischen Finanzkrise Ende der 1990er Jahre. Wegen zu hoher und daher nicht rückzahlbarer Auslandsschulden verfallen die Währungen bestimmter Länder, es kommt zu Währungsturbulenzen auf den Weltmärkten und Verwerfungen bei den Handelsströmen, konkret: zurückgehende Exporte und Importe. Das ist genau das, was wir in der momentanen labilen Weltwirtschaftslage am wenigsten brauchen können.

Haupttreiber dieses „stärksten Schuldenanstiegs der letzten 50 Jahre“ waren im Wesentlichen die extrem niedrigen Zinsen in den Industrieländern nach der Finanzkrise 2007 bis 2009. Das trieb viel Anlage suchendes Geld in höher verzinsliche Papiere. So schrieb das Wall Street Journal, die Banken von Wall Street hätten die Möglichkeit gesehen, sich neue Märkte zu öffnen mit höheren Renditen (14).

Seit den „Bekenntnissen eines Economic Hit Man“ von John Perkins (Englische Erstauflage 2006) (15) wissen wir, dass man bei Kreditvergaben an Entwicklungs- und Schwellenländer auch etwas nachhelfen kann. Dadurch bringt man Schuldnernationen in Abhängigkeiten und man kann dann leichter politische Auflagen zu Gunsten westlicher Konzerne oder westlicher Interessen durchbekommen. Im Übrigen scheint China bei seiner Kreditvergabepolitik, beispielsweise im Seidenstraßenprojekt, ganz ähnlich vorzugehen, um Länder von sich abhängig zu machen (16).

Interessant in diesem Zusammenhang sind die geforderten Auflagen von IWF und Weltbank an Weißrussland, wo Nothilfekredite an harte wirtschaftliche Lockdown-Maßnahmen geknüpft werden sollen, was Weißrussland vehement zurückwies (17). Diese Lockdown-Zwangsmaßnahmen würden Weißrussland in eine schwere Wirtschaftskrise stürzen, genauso wie es bei allen andere Ländern mit harten Lockdowns der Fall war. Man könnte sich fragen, wie denn dann die Schulden von IWF und Weltbank zurückgezahlt werden sollen? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Auf Seiten der Kreditnehmer machen häufig korrupte Eliten bei dem (bösen) „Spiel“ mit.

So heißt es im Wall Street Journal beispielsweise zu Angola, das Land habe über die letzten Jahre 8 Milliarden Dollar Kredite über Bonds (Anleihen) aufgenommen, um Wasser- und Elektrizitätsnetze oder Straßen auszubauen. Von den 26 geplanten Projekten wurden lediglich vier begonnen (18). Auch dieses Prinzip, dass sich in den Kreditnehmer-Ländern häufig korrupte Eliten bereichern, schildert ja bereits Perkins in seinen „Bekenntnissen“ beeindruckend gut.

Für den weiteren Verlauf der Weltwirtschaftskrise verheißt das alles nichts Gutes.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.iif.com/Portals/0/Files/content/Research/Global%20Debt%20Monitor_April2020.pdf: Covid-19 lights a fuse
(2) https://www.heise.de/tp/features/Der-groesste-Wirtschaftsabsturz-der-Neuzeit-4870567.html vom 14.8.2020
(3) https://www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2020/06/COVID19-and-debt-in-developing-economies-kose.htm
(4) https://www.iif.com/Portals/0/Files/content/Research/Global%20Debt%20Monitor_April2020.pdf: Covid-19 lights a fuse
(5) Angaben der World Trade Organization für das Gesamtjahr 2020, vgl. Wall Street Journal 3.8.2020
(6) https://www.iif.com/Portals/0/Files/content/Research/Global%20Debt%20Monitor_April2020.pdf: Covid-19 lights a fuse
(7) http://statisticstimes.com/economy/projected-world-gdp-ranking.php
(8) Wall Street Journal 26.7.2020, “Covid’s Next Economic Crisis: Developing-Nation Debt“: https://www.wsj.com/articles/covid-coronavirus-developing-nation-africa-debt-crisis-11595455147 Im Artikel heißt es: „The world is gearing up for a battle over developing-country debt like few it has seen before“
(9) DW 4.8.2020: https://www.dw.com/de/argentinien-wendet-staatsbankrott-ab/a-54432459
(10) SZ 16. April 2020: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/corona-krise-der-iwf-muss-ran-1.4878552
(11) https://www.wissen.de/wie-viele-laender-gibt-es-auf-der-welt
(12) https://www.hurriyet.de/news_tuerkei-hat-im-ausland-rund-384-milliarden-euro-schulden99016_143538521.html
(13) https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-lira-w%C3%A4hrung-absturz/a-54480869https://tradingeconomics.com/turkey/currency
(14) file:///C:/Users/00413/Documents/Hintergrund-Info/wsj%20foreign%20debt%20Covids_next_economic_crisis.pdf : „Wall Street banks saw an opening to new markets offering better returns than the ultralow interest rates in the West.“
(15) Perkins, John, Bekenntnisse eines Economic Hit Man — erweiterte Neuausgabe: Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia, 2016, Goldmann, München
(16) Vgl. https://www.dw.com/de/schuldenfalle-neue-seidenstra%C3%9Fe/a-43467223
(17) https://www.cashkurs.com/beitrag/Post/weissrussland-iwf-und-weltbank-knuepfen-nothilfekredite-an-harte-lockdown-massnahmen/
(18) file:///C:/Users/00413/Documents/Hintergrund-Info/wsj%20foreign%20debt%20Covids_next_economic_crisis.pdf

Zum Autor:

Christian Kreiß

Christian Kreiß, Jahrgang 1962, studierte Volkswirtschaftslehre und promovierte in München über die Große Depression 1929 bis 1932. Nach sieben Jahren Berufstätigkeit als Investmentbanker in verschiedenen Geschäftsbanken unterrichtet er seit 2002 als Professor für Finanzierung und Wirtschaftspolitik an der Hochschule Aalen. Er ist Autor mehrerer Bücher. Weitere Informationen unter www.menschengerechtewirtschaft.de.

 

 

Erstveröffentlichung am 25.08.2020 auf Rubikon
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