Geld her! Bornheimer Spargelstreik: Rumänische Erntehelfer wehren sich

Spargelfeld. Bild: webandi, Quelle: Pixbay CC0. Bea.: Roter Morgen

ROTER MORGEN – 23. Mai 2020 | 

Spargel Ritter in Bornheim: Katastrophale Unterbringung, kein Infektionsschutz.

Welche Rolle spielt Insolvenzverwalter Schulte-Beckhausen?

Am Freitag, 15. Mai 2020 legten in Bornheim bei Bonn 100-300 Erntehelfer unter Protest die Arbeit nieder, die Mehrheit der Kollegen und Koleginnen stammen aus Rumänien. Sie waren laut Presseberichten in der Corona-Krise angelockt worden — mit der Aussicht auf eine Bezahlung von rund 2.000 Euro/Monat. Als das Unternehmen Sabine & Claus Ritter GbR und sein Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen am Ende nur 200-250 Euro rausrücken wollten, gingen sie in den Streik.

RP-Online berichtet von Betroffenen, die bislang gar nichts bekommen haben: „Wir haben hart gearbeitet, wir brauchen unser Geld“, sagte eine 29-Jährige.

Vor allem wissen die Leute auch nicht, wie sie ohne ihren rechtmäßigen Lohn überhaupt nach Hause kommen sollen. Die Aktion gegen Arbeitsunrecht rief mit anderen Gruppen wie der FAU Bonn und der Interventionistischen Linken dazu auf, die Erntehelfer zu unterstützen.

 

Auch am Mittwoch ging der Protest der Erntehelfer weiter. Foto: Sven Westbrock

Der Skandal wird perfekt durch katastrophale Unterkünfte und fehlenden Infektionsschutz.

Obwohl es Anfang Mai recht kalt wurde, gab es in den Baracken, die bei einem Klärwerk und Friedhof(!) in Roisheim stehen, offenbar keine Heizung; die sanitären Einrichtungen sollen jeder Beschreibung spotten. Am Wochenende gingen den Kollegen die Lebensmittel aus. Die FAU Bonn war vor Ort und organisierte Wasser und Essen, während das Gut Ritter die Polizei rief und danach das Gelände mit Security absicherte. Mitten in der Pandemie gab es offensichtlich keine Schutzmaßnahmen gegen Ansteckung mit dem COVID-19-Virus. Izwischen hat sich auch die rumänische Arbeitsministerin Violeta Alexandru in den Konflikt eingemischt und besuchte die Saisonarbeiter.

Was ist da los? Der Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen wirbt am 3. April händeringed um deutsche Erntehelfer. Dann schickte ihm die Landwirtschaftsministerin billige Rumänen. Die will er jetzt nicht bezahlen. (Foto: Schreenshot, youtube-Video vom 3. April 2020)

Welche Rolle spielt Insolvenzverwalter Schulte-Beckhausen?

Erstaunlich ist das Timing: Der Bonner Express berichtete bereits am 12. März 2020 — also schon vor dem Corona-Lock-down und vor Beginn der Spargel-Ernte –, dass der Bauer Claus Ritter und seine Frau insolvent seien und ihr Unternehmen unter Zwangsaufsicht des Insolvenzverwalters Andreas Schulte-Beckhausen stünde. Damals türmten sich Müllberge auf dem Gelände, die zu Unmut bei Anwohnern und Behörden führten. Der General-Anzeiger berichtete, dass die Ernte 2020 „mit Hilfe eines anonymen Finanzierungspartners“ gesichert sei.2

Es sind halt nur Rumänen – Wildwest in der Provinz und industrieller Rassismus

Dass Unternehmer in die Insolvenz gehen, um sich vor ausstehenden Zahlungen zu drücken, ist gerade in der Landwirtschaft keine Seltenheit. Dass mit Andreas Schulte-Beckhausen ein Insolvenzverwalter in dieses Spiel eingebunden ist — nennen wir es mal systematischen Lohnraub –, lässt allerdings aufhorchen. In einem funktionierenden Rechtsstaat würde sich die Staatsanwaltschaft einschalten, um dem Treiben ein Ende zu setzen und die Verantwortlichen für derart dreiste Methoden und menschenunwürdige Wohnverhältnisse hart zu bestrafen.

Demokratie und Rechtsstaat gelten in der deutschen Arbeitswelt bislang offenbar nur eingeschränkt. Wo keine Betriebsräte, keine Gewerkschaften und keine behördlichen Kontrollen existieren, macht sich auf Unternehmerseite zwangsläufig Rechtsnihilismus breit. Hinzu kommt eine provinzielle Abgeschiedenheit im rheinischen Spargelrevier, die Geklüngel und systematisches Wegschauen anscheindend stark begünstigt.

Der insolvente Spargel-Bauer Claus Ritter. (Foto: Schreenshot, youtube-Video vom 3. April 2020)

Rechtsnihilismus: Legal, illegal, scheißegal?

Sprechen wir es klar aus: Hier kommen industrieller und institutioneller Rassismus zusammen. „Es sind halt nur Rumänen.“ Möglicherweise ist das Interesse der verantwortlichen Behörden an günstigem Spargel und frischen Erdbeeren größer als an Menschen- und Arbeitsrechten, denen sie laut Verfassung verpflichtet sein müssten.

Auffällig ist, dass abstoßende Müllberge bei Spargel Ritter Anwohner und Behörden sehr wohl mobilisieren können, während das Elend rumänischer Arbeiter*innen offenbar nur ein müdes Achselzucken auslöst.

Zudem stellt sich die weiter gehende Frage:


Inwiefern ist die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner mitverantwortlich?

Klöckner ermöglichte durch „unbürokratische“ Sonderregeln für Saison-Arbeiter in der Landwirtschaft überhaupt erst, dass osteuropäische Erntehelfer*innen während der Corona-Krise nach Deutschland eingeflogen werden konnten. Sie durften zudem sozialversicherungsfrei beschäftigt werden. Bei den Unternehmern kam offenbar folgendes Signal an: Anything goes – alles ist möglich.

Die Zeitung Die Stimme schreibt am 13. Mai 2020: „Vom 9. April bis Anfang dieser Woche seien 28.000 Saisonarbeiter nach Deutschland gekommen, darüber hinaus sei bei der Bundespolizei die Einreise weiterer 5.500 Saisonarbeiter angekündigt worden. Schon zuvor seien rund 20.000 Saisonkräfte in Deutschland gewesen. […] Klöckner sagte, auch für Mai sei abzusehen, dass die Betriebe mit Saisonkräften und anderen helfenden Händen ausreichend versorgt seien. Die wichtigen Arbeiten hätten bisher erledigt werden können. Eine Neuregelung ermögliche bereits auch, Saisonkräfte 115 Tage statt sonst 70 Tage sozialversicherungsfrei zu beschäftigen, was schon eine Spanne von April bis August abdecke.“

Am 3. April 2020 versuchte Claus Ritter mit einem youtube-Video Erntehelfer aus Deutschland für die Arbeit auf seinem Hof in Bornheim zu begeistern. In dem Clip ist auch der Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen zu sehen. Er verspricht dort einen Lohn von 10,- Euro pro Stunde.3

Unterdessen bestätigt die FAU-Gewerkschaft, dass am Mittwoch den Arbeitern Löhne ausgezahlt wurden. Allerdings sei dies, so heißt es in einer Mitteilung, in „Wildwestmanier“ geschehen. Die Arbeiter seien dazu von der Firmenleitung des Insolvenzverwalters mit Bussen an verschiedene, nicht genannte Orte gebracht worden.

am 20. Mai wurde verkündet das alle Erntehelfer aus Bornheim auf anderen Höfen in der Umgebung arbeiten können. Was daran war ist und ob dieses Angebot angenommen wurde ist der Redaktion am Tag der Erstellung dieses Artikels nicht bekannt. Wir werden versuchen weitere Quellen zu erreichen und wieder darüber berichten.

Kollegen, ihr seid nach Deutschland gekommen, um in dem scheinbar so reichen Land Geld zu verdienen, damit ihr Eure Familien in Eurer Heimat unterstützen können. Doch was Euch hier erwartete, war purer Kapitalismus. Es geht einzig und allein darum, möglichst viele Profite aus Euch heraus zu pressen. Euch auszubeuten, damit der Kapitalist Ritter noch reicher wird und damit ihn andere Erdbeer- und Spargelbauen nicht vom Markt fegen. Das ist die Regel des Kapitalismus!
Es ist gut, dass ihr kämpft! Lasst Euch nicht beschwatzen und an der Nase herum führen! Euer Kampf für einen gerechten Lohn und menschenwürdige Unterkünfte ist richtig! Wenn sich etwas ändert, dann immer nur dann wenn wir, die Arbeiter und Bauern weltweit unsere Stimme erheben und den Kapitalisten klar machen wer von wem abhängig ist.
Denkt daran: Letztlich brauchen die wir die Kapitalisten nicht – aber sie brauchen uns!
ROTER MORGEN wir weiterhin über Euren Kampf berichten und für Öffentlichkeit sorgen. Wir stehen zu Euch!
Hamburg, 23. Mai 2020

 

Spargel-Ritter: Bundestagsabgeordneter stellt Strafanzeige gegen Insolvenzverwalter

Links + Quellen:

 

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