Stalin und Berija

Persönlichkeit, Geschichte und der Kampf gegen den Personenkult

Der Personenkult stellt eine schädliche bürgerliche Verzerrung der Geschichte der Klassenkämpfe dar. Er widerspricht dem sozialistischen Gedanken der Kollektivität. Hinter ihm steht die falsche Auffassung, große Männer machten Geschichte. Diese Sichtweise entspringt bürgerlicher Ideologie, die patriarchalisch geprägt ist und stets nach einem starken Haupt und einer führenden Hand verlangt.

     Heinz Ahlreip

 

Von Heinz Ahlreip 
2. März 2026 |

 

 

Wirkliche Persönlichkeit beruht auf erarbeiteter Autorität und politischer Bewährung. Persönlichkeit und Kult schließen einander jedoch aus. Hegel formulierte in seiner Phänomenologie des Geistes den Gedanken, dass das Individuum, das sein Leben nicht gewagt hat, zwar als Person anerkannt werden könne, jedoch nicht die Wahrheit eines selbstständigen Selbstbewusstseins erreiche. In marxistischer Auslegung bedeutet das: Wer sich im Klassenkampf nicht existenziell bewährt hat, bleibt Randfigur der Geschichte.

In der »Phänomenologie des Geistes« schrieb Hegel: “Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat, kann wohl als Person anerkannt werden; aber es hat die Wahrheit dieses Anerkannt sein als eines selbstständigen Selbstbewusstseins nicht erreicht“ ( Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1980, S.111) | Photo: © DerRevolutionär (KI generiert)

.Personenkult und politische Umkehrung

Um Napoleon wurde ein gewaltiger Mythos errichtet. Ähnliches geschah mit Stalin und in geringerem Maße auch mit Berija. Während Stalin neben Lenin im Mausoleum beigesetzt wurde, wurde Berija 1953 in einem Geheimprozess unter Vorsitz von Marschall Konjew verurteilt und erschossen. Der Prozess fand unter strengster Geheimhaltung statt. Panzer sicherten den Gerichtsort. Seine Leiche wurde verbrannt.

Die übersteigerte Verehrung führte zur Lähmung des kritischen Denkens. In das entstandene Vakuum drang der Revisionismus unter Chruschtschow ein. Mit ihm ging eine radikale Dämonisierung Stalins einher. Die Geschichte wurde umgekehrt. Aus dem Führer im Kampf gegen den Faschismus wurde ein angeblicher Massenmörder. Das Ende ist bekannt: Die rote Fahne wurde vom Kreml eingeholt und die Partei Lenins liquidiert.

Die Geschichte der sowjetischen Sicherheitsorgane zeigt ebenfalls die Widersprüche dieser Epoche. Nach Dserschinski folgten Menschinski, Jagoda, Jeschow und Berija. Die innerparteilichen Kämpfe waren hart und vielfach von Intrigen durchzogen.

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Lenins Maßstab

Trotz berechtigter Kritik am Personenkult muss die historische Leistung Lenins hervorgehoben werden. Ohne ihn hätte sich die Oktoberrevolution nicht in dieser Tiefe und Breite entfaltet. Lenin lehnte jede Form der Vergötterung ab. Seine Frau betrat das Mausoleum nie. Lenin bleibt Lehrer der revolutionären Bewegung.

Die Gedanken von Marx, Engels, Lenin und Stalin erweiterten den Horizont der Arbeiterbewegung. Lenin warnte eindringlich davor, dass Menschen in der Politik stets Opfer von Betrug und Selbstbetrug seien. Diese Einsicht bleibt zentral. Wer sie missachtet, tappt im Dunkeln und wird Spielball der bürgerlichen Ideologie.

Die Pariser Kommune gab eine Antwort auf die Frage nach dem Bruch mit der bürgerlichen Politik. Mit der Verbrennung der Guillotine wurde symbolisch mit der Tradition der bürgerlichen Revolution gebrochen. Der Bürgerkrieg in Russland ließ der Oktoberrevolution jedoch kaum Raum für einen solchen befreienden Neubeginn.

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Stalins Leistungen und Widersprüche

Stalin besaß einen standhaften Charakter und einen starken Willen. Seine Privatbibliothek umfasste etwa 25.000 Bücher. Er war einer der gründlichsten Kenner der Werke Lenins.

Zu seinen großen Leistungen zählt der Aufbau der sozialistischen Schwerindustrie ohne ausländische Kredite. Ebenso die Kollektivierung der Landwirtschaft ab 1929. Dabei kam es zu überhasteten Maßnahmen. Stalin selbst warnte 1930 in der Prawda vor einem Schwindel angesichts der schnellen Erfolge und mahnte zur realistischen Einschätzung der Kräfteverhältnisse.

Stalin diskutiert mit Redakteuren der PRAWDA über realistische Erfolgsmeldungen | Photo: © DerRevolutionär (KI generiert)

Bis 1931 war etwa die Hälfte der Bauern kollektiviert. Der sozialistische Aufbau erfolgte unter enormem innerem und äußerem Druck.

Eine weitere zentrale Leistung war die Verteidigung der Sowjetunion gegen den deutschen Faschismus. Am 22. Juni 1941 begann der Überfall. Die faschistischen Truppen führten einen Vernichtungskrieg. Ganze Landstriche wurden verwüstet. Trotz schwerer Anfangsfehler und ignorierter Warnungen gelang es, das Land zu verteidigen. Die enormen Reparationsleistungen nach dem Krieg waren eine Folge der faschistischen Zerstörungen.

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Fehler, Machtkämpfe und das Ende einer Epoche

Stalin unterschätzte die unmittelbare Gefahr eines deutschen Angriffs. Warnungen, auch von Richard Sorge, wurden als Provokationen abgetan. Der Kriegsbeginn traf die Sowjetunion unvorbereitet.

Auch das Wesen Berijas erkannte Stalin erst spät. Vor seinem Tod kühlte das Verhältnis deutlich ab. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 entbrannte ein Machtkampf. Chruschtschow gelang es, große Teile des Politbüros gegen Berija zu mobilisieren. Unter Leitung von Marschall Bulganin wurde Berija verhaftet.

Diese Ereignisse markieren den Beginn einer neuen Phase. Der Personenkult wich der revisionistischen Entstellung der Geschichte. Die Lehre bleibt: Sozialismus ist Werk der Massen. Wo kritisches Denken ausgeschaltet wird, entsteht Raum für Opportunismus.

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Eine Schlussfolgerung

Die Geschichte von Stalin und Berija darf weder verklärt noch dämonisiert werden. Sie muss im Kontext des Klassenkampfes verstanden werden. Entscheidend ist nicht die Anbetung von Persönlichkeiten, sondern die wissenschaftliche Analyse der historischen Prozesse.

Der Marxismus lebt von Kritik und Selbstkritik. Nur so kann verhindert werden, dass Pseudokommunisten im Namen des Sozialismus auftreten und ihn zugleich untergraben.

Nicht der Kult, sondern das kollektive Bewusstsein der Arbeiterklasse ist Träger der Geschichte.

 


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Über Heinz Ahlreip 170 Artikel
Heinz Ahlreip, geb. am 28. Februar 1952 in Hildesheim. Von 1975 bis 1983 Studium in den Fächern Philosophie und Politik an der Leibniz Universität Hannover, Magisterabschluss mit der Arbeit »Die Dialektik der absoluten Freiheit in Hegels Phänomenologie des Geistes«. Forschungschwerpunkte: Französische Aufklärung, Jakobinismus, Französische Revolution, die politische Philosophie Kants und Hegels, Befreiungskriege gegen Napoleon, Marxismus-Leninismus, Oktoberrevolution, die Kontroverse Stalin – Trotzki über den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR, die Epoche Stalins, insbesondere Stachanowbewegung und Moskauer Prozesse.