Waffendienst im bürgerlichen Staat?

Die Rote Soldatenzeitung der KPD/ML in den 1970er-Jahren.

Eine notwendige Ergänzung meiner Kritik vom 11. Dezember 25

Zur Klärung einer strategischen Frage im kommunistischen Klassenkampf

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        Heinrich Schreiber

15.12.2025 In meiner Selbstkritik vom 11. Dezember 25 habe ich deutlich gemacht, dass die Wehrpflicht im bürgerlichen Staat kein Mittel zur Stärkung der proletarischen Jugend ist. Ich habe klargestellt, dass sie kein neutrales Ausbildungsprogramm darstellt, sondern ein Instrument zur Disziplinierung und politischen Entmündigung der Arbeiterklasse. An dieser Einschätzung halte ich fest. Doch ich muss sie erweitern: Die Geschichte der Revolutionen – insbesondere die Lehren Lenins – zeigt, dass der revolutionäre Kampf auch innerhalb der Armee geführt werden muss, allerdings unter bestimmten Bedingungen.

Lenins Lehren aus 1905: Die Bedeutung der Armee für die Revolution

Lenin erkannte früh die Bedeutung der bewaffneten Kräfte. Nach dem Scheitern der Revolution von 1905 – unter anderem, weil die Mehrheit der Armee dem Zaren treu blieb, obwohl es vereinzelte Meutereien gab, etwa auf dem Schlachtschiff Potemkin. Er analysierte in: Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution (Lenin GW Band 9), dass eine proletarische Revolution ohne die Zersetzung der bestehenden Armee nicht möglich sei. Er schloss daraus, dass die Agitation unter Soldaten eine zentrale Aufgabe der Bolschewiki sein müsse. Die Armee sei, so Lenin, „ein Spiegelbild der Gesellschaft“. Wenn das Proletariat dort keine bewusste, revolutionäre Arbeit leistet, überlässt es den ideologischen Einfluss vollständig der Bourgeoisie – was dieser derzeit leichtfällt. Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht jedoch, wenn die werktätige Jugend in Kasernen eingesperrt wird, wird es für die herrschende Klasse deutlich schwieriger.

Revolutionäre Arbeit in der Armee: Der Weg zur Oktoberrevolution

Diese Einsicht bestimmte fortan seine Strategie. Zwischen 1905 und 1917 intensivierten die Bolschewiki ihre Propaganda unter den Soldaten, insbesondere in der zaristischen Garnison Petrograds. Ihre Wirkung zeigte sich während der Februarrevolution 1917: Viele Soldaten verweigerten den Befehl, auf Demonstrierende zu schießen, wandten sich gegen ihre Offiziere und schlossen sich den revolutionären Massen an. Die Oktoberrevolution wurde letztlich nicht durch eine äußere, militärische Erhebung erzwungen, sondern durch den Zusammenschluss von Arbeitern, Soldaten und Matrosen der Baltischen Flotte getragen. Ohne diese Überläufer aus den Reihen der Armee wäre die Machtergreifung unmöglich gewesen. Lenin betonte in seinen Lehren der Revolution (1917) (Lenin GW Band 25), dass der Umsturz nur gelang, weil es möglich war, große Teile des bewaffneten Staatsapparats politisch zu gewinnen.

Agitation statt Dienst: Der richtige Weg in der militärischen Frage

Darin erkenne ich eine strategische Wahrheit, die meiner bisherigen Darstellung hinzugefügt werden muss: Die bürgerliche Armee kann unter revolutionären Bedingungen zersetzt werden. Doch dies geschieht nicht durch Teilnahme am Waffendienst, nicht durch individuelles Mitmachen oder stille Vorbereitung, sondern einzig durch bewusste politische Agitation, geführt von einer bolschewistischen Partei.

Keine Kapitulation: Militärische Arbeit als Teil revolutionärer Strategie

Es wäre daher ein schwerer Fehler, die Ablehnung der Wehrpflicht als Rückzug aus der militärischen Frage zu deuten. Ich bleibe dabei: Eine revolutionäre Militärkraft entsteht nicht aus der Teilnahme an der Disziplinarmaschine des Klassenfeindes. Aber sie entsteht auch nicht im luftleeren Raum. Sie muss aufgebaut werden, ideologisch, organisatorisch und praktisch. Und das schließt die gezielte Arbeit unter Soldaten ein, nicht als „Militärprogramm“, sondern als Teil der revolutionären Massenarbeit, was eine besondere Aufgabe der gegenwärtigen, bolschewistischen Jugendarbeit sein muss.

Ohne die Bolschewiki hätte die Arbeiterklasse 1917 niemals jene Teile der Armee gewonnen, die für den Sieg entscheidend waren. Wer heute also über die Rolle der Armee spricht, darf nicht vergessen, dass es nicht ihre Struktur war, die sie revolutionär machte, sondern die Führung durch eine kommunistische Partei bolschewistischen Typs. Nur eine solche Partei ist in der Lage, revolutionäre Kräfte in der Armee zu organisieren, zu leiten und auf den Bruch mit dem bürgerlichen Staat bis hin zu seinem Sturz auszurichten.

Schlussfolgerung: Klassenkampf auch im bewaffneten Bereich führen

Daher ziehe ich aus meiner ursprünglichen Kritik die erweiterte Schlussfolgerung: Der Waffendienst im bürgerlichen Staat bleibt ein Mittel zur Unterordnung und ist strikt abzulehnen. Doch der militärische Aspekt des Klassenkampfes muss von uns, erst recht von einer bolschewistischen Partei, erfasst, durchdrungen und vorbereitet werden. Nicht als militärtechnische Schulung, sondern als politischer Kampf um die Köpfe und Herzen auch jener, die heute noch im Dienst der Bourgeoisie stehen.

Revolutionäre Gewalt braucht politische Führung

Abschließend verweise ich auf Lenins klare Feststellung: Die revolutionäre Gewalt ist eine Frage der Macht. Diese Machtfrage wird nicht durch Kasernendienste beantwortet, sondern durch den Aufbau einer kommunistischen Partei, die fähig ist, alle Teile der Gesellschaft zu erfassen – auch und gerade dort, wo die Waffen sind. Denn, wie der Redakteur des Roter Morgen mir gegenüber richtig zitierte: „Die Macht kommt aus den Gewehrläufen“ – politisch und wirtschaftlich. 

 

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Über Heinrich Schreiber 263 Artikel
Als inzwischen „Best Ager", ist die berufliche Vita schon etwas umfangreicher. Gelernter Photokaufmann, tätig als Werkzeug- und Kopierschleifer im Einzelakkord, aber auch viele Jahre als selbständig tätiger  Wirtschaftsberater waren Heinrich's beruflichen Herausforderungen. Bereits im Alter von 13 Jahren ist Heinrich mit Polizeigewalt bei einer Demonstration in der Kieler Innenstadt in Berührung gekommen. Hintergrund war der Schahbesuch 1967 in Berlin und die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch die Berliner Polizei. Das hat ihn sehr früh politisiert und seine zukünftigen Aktivitäten als Jugendvertreter und in der Gewerkschaftsjugend, in der Roten Garde Kiel/ML und später KPD/ML waren daraufhin logische Konsequenz. Heinrich ist Vater von vier erwachsenen Kindern und begleitet das politische Geschehen mit Berichten und Kommentaren aus marxistisch-leninistischer Sicht.

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