Religion in bürgerlicher und marxistischer Sicht

Im Gegensatz zum Marxismus-Leninismus ist der große Mangel des bürgerlich-mechanischen Materialismus, an den Produktivkräften und an den Produktionsverhältnissen und ihren Wechselwirkungen vorbeizusehen bzw. vorbeizugehen. Hätte er diesen Fundamentalmangel nicht besessen, wäre immer noch fraglich geblieben, ob sich ein einseitig kausal-mechanizistisches Denken (die Basis determiniert als Ursache den Überbau als Wirkung ausschließlich) bis zur Höhe der Wechselwirkung beider Formen gesellschaftlicher Ausgestaltungen hätte emporarbeiten können.

 

Heinz Ahlreip – Autor I Redaktionsbeirat

 

Wie die subjektiv-menschlichen Denkprozesse mit objektiven Konstellationen im praktischen Produktionsbereich zusammenhängen, das hat er noch nicht untersucht bzw. untersuchen Können, obwohl besonders bei Holbach erste, zarte Ansätze einer Basis-Überbau-Relation anzutreffen sind. Es ist weiterhin die Frage aufzuwerfen, ob Marx und Engels ohne Dazwischenkunft der Hegelschen Dialektik, so verkehrt herum sie auch stand, die Kategorie der Wechselwirkung im Inneren des Verhältnisses von Basis und Überbau hätten durchbringen und anwenden können? Hegel kritisierte als idealistischer Dialektiker die Denker, die nur deshalb über den Dingen stehen, weil sie nicht die Dinge selbst durchwirken (bei Hegel als reiner Kopfarbeiter allerdings auch nur rein theoretisch gefasst). Die Dialektik beinhaltet die Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Dinge selbst.   

Ohne wissenschaftlich scharfe Kontur eines Basis-Überbau-Verhältnisses mit der Entschiedenheit der Ableitung von der Basis aus, verfällt der bürgerliche, in der Regel mechanische Materialismus auf die Schablone, aufklärerisch fortgeschrittene Menschen müssen haltlose Angaben in ihrer geistigen Entwicklung zurückgebliebener Menschen durch Tatsachenverweis als Vorurteile denunzieren, um sie zu korrigieren. So setzt er den Hebel zur positiven Gesellschaftsveränderung subjektiv im Überbau an und nicht objektiv in den vorherrschenden Produktionsverhältnissen. Wobei der Marxismus-Leninismus noch tiefer geht.  Nicht die reformistische Korrektur vorliegender Produktionsverhältnisse steht im Mittelpunkt, sondern die revolutionäre Ersetzung alter Produktivkräfte durch neue. 

Aufklärung kann keine Aufklärung sein, wenn sie nur wie die bürgerliche im Überbaumilieus umtriebig ist. Der weltgeschichtliche Wert der bürgerlichen Aufklärung kann nur wie der jeder Aufklärung ein begrenzter sein, deren beschränkter fortschrittliche Charakter aber zugleich auch anzuerkennen ist, sowie der Dialektiker Engels im ‘Ludwig Feuerbach  und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie‘ eine Ehrenrettung des mechanischen Materialismus vorgenommen hatte
(Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,276).

Die bürgerliche Aufklärung hat ihre Schranken, am Beispiel ihrer Religionserklärung kann dies vorgeführt werden, womit zugleich vermittelt werden kann, dass Hegel mit seinem bon mot, die Aufklärung sei über sich selbst nicht aufgeklärt, so Unrecht nicht hatte. Die bürgerliche Aufklärung mit ihren historisch und wissenschaftsgeschichtlich bedingten Scheuklappen konnte die Quelle von Religion nicht basiskonform im sozialen Elend verorten, was bei Feuerbach erst anklingt, noch nicht durchkomponiert ist und erst durch Marx und Engels auf objektiv-wissenschaftlicher Ebene vollends zur Aufdeckung gelangt ist. Kapitalisten können als Produzenten sozialen Elends niemals als Befreier von Religion auftreten. In Sachen Religionserklärung sind bürgerliche Aufklärer entgegen ihrer Intention quasi betrogene Betrüger. Da der materielle Produktions- und Lebensprozess der Menschen außen vorbleibt, so bringt die bürgerliche Aufklärung keineswegs rein und widerspruchsfrei hervor, dass die Gesellschaft, von welcher Form sie auch immer sei, das Produkt des wechselseitigen Handelns der Menschen ist, und weiter nichts! Darüber nachzudenken, brächte aber die Produktionsmittel ins Spiel, wie produzieren die Menschen ihre Lebens- und Produktionsmittel? Das unterlieb bekanntlich, die bürgerliche Aufklärung kam nicht auf die Höhe einer Gesellschaftstheorie, nach der sich die Arbeitsorganisation durch die Produktionsmittel ergibt. 

Es blieb der bürgerlichen Aufklärung nur ein Ausweg, Aufkommen und Existenz von Religion zu erklären: Die Religion sei aus Gründen der Untertanenpflege von Lügenpriestern ins Leben gerufen worden. Man spricht von der sogenannten Priestertrugstheorie, die auf die bürgerliche Aufklärung passt wie die Faust aufs Auge.  Hier haben wir die Kopfebene der bürgerlichen Aufklärung, List und Tücke, die der Bourgeois selbst so gerne an seinen Mitmenschen vollzieht, werden erst einmal den Pfaffen zugschoben. Alles spielt sich im Kopf ab, aber die subjektive List spielt in der Geschichte eine doch recht untergeordnete Rolle im Vergleich zu der objektiven Wucht, mit der sich ökonomische Gesellschaftsformationen durchsetzen und für eine gewisse Zeit behaupten. Es hieße den Bock zum Gärtner zu machen, sich an der Hand und anhand der Lektüre bürgerlicher Aufklärer von der Religion zu befreien. 

Der Marxismus-Leninismus wäre keine fortschrittliche Theorie der Arbeiterklasse, könnte er nicht die Beschränktheit der bürgerlichen Aufklärung aufzeigen. Das Milieu der bürgerlichen Ideologie muss für die Aufklärer so lange ein ewiges bleiben, bis sie nicht die Wurzeln des Ideologischen in den materiellen Lebensprozessen der arbeitenden Menschen erkennen. Diese Überlegung ist ein substantieller Gehaltsstrang der Kritik in der ‘Deutschen Ideologie‘ von Marx und Engels, ihren geistigen Nachvollzug von bürgerlichen Ideologen zu erwarten, das ist dann doch zu viel verlangt. 

 

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Über Heinz Ahlreip 56 Artikel
Heinz Ahlreip, geb. am 28. Februar 1952 in Hildesheim. Von 1975 bis 1983 Studium in den Fächern Philosophie und Politik an der Leibniz Universität Hannover, Magisterabschluss mit der Arbeit »Die Dialektik der absoluten Freiheit in Hegels Phänomenologie des Geistes«. Forschungschwerpunkte: Französische Aufklärung, Jakobinismus, Französische Revolution, die politische Philosophie Kants und Hegels, Befreiungskriege gegen Napoleon, Marxismus-Leninismus, Oktoberrevolution, die Kontroverse Stalin – Trotzki über den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR, die Epoche Stalins, insbesondere Stachanowbewegung und Moskauer Prozesse.

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