Anarchismus und Sozialismus

Im Gegensatz zum Marxismus-Leninismus wollen Anarchisten den Staat sofort abschaffen

„Wer Staat sagt,   sagt notwendigerweise Krieg“
(Peter Kropotkin)

Heinz Ahlreip – Autor I Redaktionsbeirat

Der Anarchismus intendiert die Zerschlagung des bürgerlichen Staates von heute auf morgen und die sofortige Verteilung der Güter nach den Bedürfnissen vorzunehmen. Der Kommunismus entsteigt wie Minerva dem Haupte Jupiters, er ergibt sich für die wildgewordenen Kleinbürger nur aus diesem zerstörerischen Akt. Dazu passt, dass die Anarchisten die Ausübung von Religion schlichtweg verbieten wollen, was bereits Marx zum Anlass der Kritik an dem einem alten russischen Adelsgeschlecht entstammenden Bakunin nahm. Das hatten im XX. Jahrhundert auch Pol Pot und Enver Hodscha falsch gemacht. Es liegt eben ein zerstörtes dialektisches Weltbild vor, prägnant erscheint dieses im Schlusssatz von Bakunins Frühschrift: ‘Die Reaktion in Deutschland‘: „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust“
(Michail Bakunin, Die Reaktion in Deutschland, Nautilus Nemo Press, Edition Moderne, Hamburg/Zürich, 1984,51).

Das ist eine Schrift aus dem Jahr 1842, dem Geburtsjahr von Peter Kropotkin, die im Kontext der fruchtbaren posthegelschen Philosophie nicht genügend beachtet wurde. Natürlich hatte sich Bakunin mit Hegel auseinandergesetzt, und zwar ab 1837. Er war ein unruhiger, aber kein unruhig dialektischer Geist. Daraus aber resultierten zwei Verirrungen im denkenden Nachvollzug des Prozessualen. Für Hegel war die Weltgeschichte nicht der Boden des Glücks und des Lustgewinns. Vor allem aber ergab sich für Hegel eine höhere Entwicklungsphase in der Geschichte nicht aus einer totalen, alles zerstörenden, sondern aus einer bestimmten Negation. Im Neuen bleibt immer noch etwas Altes stecken, das seine Zeit zum Absterben braucht.

Die Anarchisten vertreten einen Sozialismus, der seine Wurzeln nicht im Kapitalismus hat, wie es der reale und theoretisch widergespiegelte Prozess vorschreibt, sondern auf einer von ihm selbst geschaffenen reinen Grundlage. Der Prozess wird abgeschnitten, abgebrochen, stattdessen eine in sich kreisende Begründung vorgelegt; Deus ex machina.

Michail Alexandrowitsch Bakunin, ein russischer Revolutionär und Anarchist – 30. Mai 1814 – 01 Juli 1876

Marx sprach bekanntlich von den ‘Muttermalen der alten Gesellschaft‘ und von ‘langen Geburtswehen‘, Lenin von einem bürgerlichen Staat, der im Sozialismus durch die Weiterexistenz des bürgerlichen Rechts noch vorliegt, da die Produkte noch nach der Arbeitsleistung verteilt werden – ohne Bourgeoise“, mit neuen Richtern aus der Arbeiterklasse. Die höhere Phase resultiert als neue Identität aus der Identität und der Nicht-Identität, will heißen: Die Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft und des bürgerlichen Staates ist nicht in einem Umkehrschluss ausgebildeter Kommunismus. Der mechanische Materialismus Bakunin negiert das Nicht-Identische, missversteht die Dialektik, die die platte Identität gerade als Kurzschlussdenken kritisiert. Der bürgerliche Staat, der der Staat im eigentlichen Sinn des Wortes ist, existiert in der höheren Phase noch weiter, das ist identisch mit dem Kapitalismus, aus dem der Sozialismus herrührt, aber er existiert ohne Bourgeoisie weiter, das ist nicht-identisch mit dem Kapitalismus. Das anarchistische Denken unterschlägt beim Umschlagen der Gegensätze ineinander, hier Kapitalismus und Sozialismus, dass dieses Umschlagen prozesshaft erfolgt, obwohl der Akt des Umschlags sich blitzartig vollzieht. Und nur dieses Blitzartige fasziniert. Bakunin und seine Anhänger sahen in der Explosion einer Bombe den Wendepunkt der Weltgeschichte. Es gehört zum tragischen Leben Bakunins, dass er 1870 in Lyon einem spontanen anarchistischen Aufstand vorstand, der noch am Ausgangstag kläglich in sich zusammensank. Das Desaster zeigte an, dass einem Aufstand eine Uhrwerkslogik innewohnen muss, zugleich aber auch nicht. Lenin pflegte zu sagen, ein Aufstand ist 100 x schwieriger als ein nationaler Krieg.   

Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin war ein russischer Anarchist, Geograph und Schriftsteller – 09. Dezember 1842 bis 08. Februar 1921

Bekanntlich lehnen und lehnten die Anarchisten das politische Ausnutzen der Organe des feindlichen Staates ab, was Lenin vehement fordert, auch wenn zum Beispiel die Großbanken und die Börse sich das Parlament unterwerfen, je entwickelter die Demokratie ist. Auch hier der Abfall der Anarchisten von der Dialektik durch das Gebot der platten Reinheit, während sich für den Dialektiker Reinheit durch Säuberung ergibt. Der Sozialismus kommt ohne Normen zunächst nicht aus, eine Auffassung, die der kommunistische Anarchist Peter Kropotkin am heftigsten bekämpfte, der danach strebte, das ganze Lohnsystem sofort aufzugeben und ohne Phase der individuellen Leistung direkt zum Kommunismus zu kommen. Es sei nach Kropotkin unmöglich, den Anteil des je Einzelnen in einer Zwischenphase zu bestimmen.  Schon in den ausschweifenden Ideen Fouriers mussten Menschen, die keine Lust zur Arbeit verspürten, von der Gesellschaft miternährt werden, für den utopischen Sozialisten galt also nicht der Satz: ‘Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen‘. 

Nehmen wir die Subbotniks. Nach anarchistischer Ansicht müssten am Morgen nach der Revolution sofort alle Mitglieder der neuen sozialistischen Gesellschaft, frei von Muttermalen der alten Gesellschaft, ohne Geld kollektiv mit Gattungsbewusstsein arbeiten. Es braucht niemand mehr erzogen, zum Kollektiv ausgerichtet zu werden. Wir wissen heute mehr denn je, dass der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus langwierig und qualvoll ist, ohne Urlaub für die Berufsrevolutionäre und ohne Momente der Lust, aber mit der Möglichkeit von Riesensprüngen rückwärts, was besonders gut in der gegen Rosa Luxemburg gerichteten Junius-Broschüre Lenins nachzulesen ist. Neue Erkenntnisse sind das also nicht, sondern von den Klassikern, allesamt tiefe dialektische Denker, bereits vorliegende Bestimmungen. Wer wie die Anarchisten auf die sozialistische Übergangsphase vom Kapitalismus zum Kommunismus bewusst verzichtet, weiß, dass er auf die Diktatur des Proletariats verzichtet. 

Zwar ist die Parole ‘Polizei, Justiz Senat – sind ein Gangstersyndikat‘ falsch angesetzt, denn im ökonomischen Kern ist die kapitalistische Gesellschaft nicht kriminell an- bzw. ausgelegt. Dieser Ersteindruck muss nicht Bestand haben, denn der Ankauf der den Mehrwert produzierenden Ware Arbeitskraft, ist nach Engels im Anti-Dühring ein Glück für den Käufer, aber kein Unrecht gegenüber dem Verkäufer. Man darf nicht verkürzt nur auf lustvoller Systemvernichtung aus sein, hier treffen sich Anarchismus und linker Radikalismus, sondern auch an Systemausnutzung. Der bürgerliche Staat ist uns allen natürlich zuwider, aber wir müssen ihn zeitweise ertragen, Nutzen von dem uns Feindlichen beziehen. Das ist eben Dialektik, Kalkül statt Gefühl. 

Bei aller notwendigen Kritik am Anarchismus und seinem abstrakten Kult des Volkes und seinem klassenunspezifischen Kult der Menschheit ist festzuhalten, dass dieser durch den gleichen Anlass, dass diejenigen, die die Paläste bauen in Hütten leben und durch die Orientierung auf das gleiche Ziel wie die Kommunisten, den staatenlosen Kommunismus mit einer einhergehenden Verwandlung der Arbeit in eine Lust bei gleichlautender Forderung der Abschaffung des Erbrechts und des Geldes als einzige politische Strömung neben dem militant-revolutionären Marxismus noch Träger humanistischen Gedankenguts sind. Die größte Diskrepanz zwischen beiden Strömungen herrscht in der Parteifrage. Für Kommunisten ist sie neben der Enteignungsoption das A & O der ganzen Bewegung, die Anarchisten bilden sich ein, ohne eine Bürgerkriegspartei, denn das ist die kommunistische im Kern, auskommen zu können. Sie wollen auch nur den Grund und Boden enteignen. Kropotkin, der Begründer des Anarchosyndikalismus wertete die Gewerkschaft als einzigen Rammbock der Revolution auf.  Auch hat bis heute kein Anarchist eine nur in einem Land stattfindende Revolution gutgeheißen wie Lenin 1915 und Stalin ab 1924. 

Engels sagte, die Pariser Commune war schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr und für Bakunin war sie eine kühne, sehr ausgesprochene Verneinung des Staates“. Bei Engels scheint das Prozesshafte von Staat und Nichtstaat durch, bei Bakunin das Abrupte. Man kann das Verhältnis von Marxismus und Anarchismus wie folgt zusammenfassen: Richtiger Kerngedanke, richtiger dialektischer Ansatz, richtiger Weg versus richtigen Kerngedanken, falscher, nicht dialektischer Ansatz, falscher Weg. Auch wenn eine Revolution tief in das Fleisch der alten Gesellschaft einschneidet, das alte Gewebe ist zäh und verendet nicht nach ein paar Jubeltagen, kurz: Es ist die Dialektik, die im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen beiden Strömungen, nach anarchistischem Jargon zwischen Autoritären (Marx), (Engels hatte 1873 eine Polemik gegen die Anarchisten mit dem Titel: ‘Von der Autorität‘ verfasst) und Liberalen (Bakunin, Malatesta, Kropotkin …) liegt. Wenn zum Beispiel Kropotkin in kritischer Abwendung von Darwin eine Quelle der Kommune in der nachbarschaftlichen Hilfe aus Solidarität erblickt und nicht im weltweiten Fabriksystem, so ist es doch ein sehr weiter Schritt von der dörflichen Rundumbrüheverteilung nach dem Schweineschlachten bis zur Weltrevolution. 

Alle anderen politischen Strömungen, deren Kernbestand sich aus Dilettanten in Sachen Dialektik bildet, perverser konterrevolutionärer Abschaum, der der klassischen deutschen Philosophie den After zukehrt und begierig nach dem Index der Wall Street blickt, also der unüberbietbare Ekel schlechthin, alle anderen politischen Strömungen, sage ich, verheddern sich im Wesen der bürgerlichen Gesellschaft, die uns aufs Geld fixiert, uns also einseitig und dumm macht. Sie verheddern sich in der Dialektik von Lohnarbeit und Kapital, die immer wieder die ganze bürgerliche Gesellschaft erschüttert, sie verheddern sich in der Dialektik von proletarischem Humanismus und bürgerlichem Terror, sie verheddern sich in der Logik des bürgerlichen Staats (Staat der jeweils ökonomisch herrschenden Klasse), weil sie spontan, ohne Grips für eine ausgesprochene Bejahung staatlichen Terrors eintreten, weil sie in ihren Fetischverblendungen sich  das Bild einer Gesellschaft ohne Gefängnisse gar nicht ausmalen können. Der bürgerliche Terrorstaat hat mittlerweile eine Dimension erreicht, dass er die bürgerliche Gesellschaft zu verschlingen droht. Nun steht selbstredend fest, dass bürgerlicher konterrevolutionärer Abschaum, für den eine politische, also präkriegerische Tätigkeit erstens eine anthropologische Konstante, und zweitens ein ganzer Lebensinhalt bildet, kein wissenschaftliches Licht in die dunkle Nacht der kapitalistischen Barbarei bringen kann. Und gerade in Deutschland haben die letzten Jahre gezeigt, wie wenig immun bürgerliche und kleinbürgerliche Parteien gegenüber faschistischen Anwandlungen sind. Der Faschismus kann ohne Kritik an der bürgerlichen Ideologie nicht bekämpft werden, ist er selbst doch nur Ausdruck der Menschenverachtung der Bankiers und Kapitalisten, also der Wortführer der bürgerlichen Gesellschaft. Sein Aufkommen zeigt die zunehmende Angst an, die der kapitalistische Blutsauger vor der revolutionären Arbeiterklasse hat. Schließlich steht diesem die Angst so sehr ins Gesicht geschrieben, dass seine demokratische Maske notwendig zu Boden fallen muss. 

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Über Heinz Ahlreip 68 Artikel
Heinz Ahlreip, geb. am 28. Februar 1952 in Hildesheim. Von 1975 bis 1983 Studium in den Fächern Philosophie und Politik an der Leibniz Universität Hannover, Magisterabschluss mit der Arbeit »Die Dialektik der absoluten Freiheit in Hegels Phänomenologie des Geistes«. Forschungschwerpunkte: Französische Aufklärung, Jakobinismus, Französische Revolution, die politische Philosophie Kants und Hegels, Befreiungskriege gegen Napoleon, Marxismus-Leninismus, Oktoberrevolution, die Kontroverse Stalin – Trotzki über den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR, die Epoche Stalins, insbesondere Stachanowbewegung und Moskauer Prozesse.

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